erschienen auf www.backview.eu am 09.11.09 - ein Text, den ich auch zehn Jahre später immer noch mag

"Ich bin eine Kokosnuss." - Die DDR-Kinder von Namibia

Text: Stefanie Helbig


9. November 1989: Deutschland liegt sich in den Armen, Namibia hält zum ersten Mal
freie Wahlen ab. Und für Peter, Elvis und Thompson bricht eine Welt zusammen.
Noch nie hatte Elvis einen Eimer Wasser auf dem Kopf getragen. Das Wasser schwappte nach links,
nach rechts, er bekam den Eimer wieder gerade balanciert - und dann fiel das Ding doch herunter.
"Wenn das die anderen können, kannst du das ja wohl auch", schrie sein Onkel, "denk ja nicht, dass du
was Besonderes bist, nur weil du aus Deutschland kommst!" Manchmal sei der Eimer zwei Meter vor
dem Haus heruntergefallen, erinnert er sich an diese Tage. Die Tage, als er nach Namibia kam.
Der 28-jährige Computertechniker sitzt mit Peter und Thompson im Windhoeker Park-Café. "Ich
bin eine Kokosnuss", sagt Elvis – außen schwarz und innen weiß. Elvis, Peter und Thompson sind in
der ehemaligen DDR aufgewachsen.

Als in den 1970er-Jahren die South West Africa People's Organisation (SWAPO) für die
Unabhängigkeit der südafrikanischen Provinz Namibia kämpfte, darbten ihre Eltern in den
Flüchtlingslagern. Peters und Elvis' Mütter hatten ihre Babys in die Arme geklemmt und waren mit
ihnen nach Angola geflüchtet, Thompson erlebte die ersten Jahre seines Lebens in einem Lager in
Sambia.

Die SWAPO war sich einig, dass die Kinder ausgebildet werden sollten. Als neue Elite sollten sie
eines Tages das Land aufbauen. Sam Nujoma, der Revolutionsführer, konnte einige Staaten dafür
gewinnen, die Kinder zu betreuen und auszubilden. Neben Kuba und Jugoslawien hatte auch die
DDR eingewilligt.

Elvis weiß nur noch eins von dem Moment, in dem er mit fünf Jahren ins Flugzeug gesetzt wurde:
"Ich habe gekotzt, weil ich so Angst vorm Fliegen hatte." Seine nächste Erinnerung ist die an ein
Schloss, ein Schloss mit glitzernd weißem Schnee auf dem Dach und einem Park: Schloss Bellin in
Mecklenburg. Ihr zu Hause für die nächsten Jahre, und ihr Gefängnis. Zur Schule wurden sie mit
dem Bus gefahren, Ausflüge unternahmen sie unter sich – zu groß die Gefahr, Südafrika könne
erfahren, was in diesem Schloss vor sich geht. Wenn sie doch einmal unter Weiße kamen, riefen die
Kinder laut: "Mami, schau mal, Schokomänner!" Dann kamen die Mütter, befühlten das krause Haar
der Namibier, und knufften die "süßen Negerküsse" in die Wangen.

Die "süßen Negerküsse" marschierten auf ihren Kinderbeinen durch die Mecklenburger Landschaft,
lernten, durch den Wald zu kriechen und mit einer AK auf Zielscheiben zu schießen. "Die
Trommeln, die Musik, die schönen bunten Kleider, das war Spaß", sagt Elvis. Dass die schönen
bunten Kleider Uniformen in den SWAPO-Farben waren, wusste er noch nicht.

Und dann kam der 9. November 1989. Die Mauer fiel, und zur gleichen Zeit wählte Namibia Sam
Nujoma zum Präsidenten. Auf einmal wusste niemand, was aus den Namibia-Kindern werden sollte.
"Deutschland wollte, dass wir unsere Ausbildung zu Ende bringen", sagt Thompson, "aber die
namibische Regierung hatte Angst, dass wir dann nicht mehr wiederkommen würden." Eines Tages
stürmten die Erzieher in die Zimmer und befohlen, zu packen, in zwei Wochen müssten sie nach
Hause. "Das ging nur schnell, schnell, schnell, man hat uns gar keine Wahl gelassen", sagt Elvis. Und
dann saßen sie im Flieger, und Elvis hat wieder erbrochen, und die Stewardess hat seine braunrot
gesprenkelte Decke mitgenommen und ihm eine neue gebracht.

Irgendwann lag unter ihnen die Savanne, bis zum Horizont brauner Sand, hin und wieder ein Busch.
"Hier ist es ja gar nicht grün", rief ein Mädchen, das noch nicht angefangen hatte, zu weinen. Immer
tiefer sank das Flugzeug hinab, dann flimmerte der Schatten über den Sand, ein Holpern, Landebahn.
Mitten im Nirgendwo. Das Empfangskommitee stand bereit, mit dem Präsidenten des unabhängigen
Namibias und Stammestänzen auf dem Flughafen.

Und dann war die Party vorbei und irgendwelche Menschen brachten sie in die Grundschule im
Township, einem Steinbau zwischen Wellblechhütten und Sandstraßen. Hier hockten die DDRKinder,
die mittlerweile Teenager waren, auf ihrem Gepäck und warteten. Darauf, dass jemand sie
abholen würde.

Elvis hatte keinen Vater mehr, seit er drei war. Thompson hatte mit elf einen Brief von seinem Vater
erhalten: seine Mutter sei gestorben. Jemand stupste Peter an und zeigte auf einen Mann: "Das ist dein
Vater". Peter fing an zu heulen. Irgendwann gingen sie alle mit fremden Menschen mit, auch Elvis.
Im Ovamboland sollte er leben, einer sehr traditionelle Region im Norden des Landes.

Seine Sandalen machten ihn von Anfang an zum Verlierer. Wenn er durch das Dornengestrüpp
stapfte und aufschrie, sobald sich ein Stachel in seinen Fuß bohrte, war er für seine Familie eine
"Tussi". Auf einer fremden Sprache lachten sie über ihn. Er versuchte es mit den paar Worten
Oshivambo, an die er sich noch erinnerte. Sie lachten noch lauter. Er hasste sie. "Die aßen mit den
Fingern", sagt Elvis, "manchmal wuschen sie sich noch nicht einmal die Hände vorm Essen, ich hab's
gesehen!" Er habe oft geweint, sagt Elvis, "aber heimlich". Ein Mann, der weine, gehöre bei den
Ovambo zum Schwächsten der Schwachen.

"Viele sind von zu Hause weggelaufen", sagt Thompson. Jetzt, mit 33 Jahren, läuft auch er weg -
diesmal, so hofft er, für immer. Er hat in Frankfurt eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert
und jetzt eine Stelle in Düsseldorf gefunden. Elvis möchte sich zum Computeringenieur weiterbilden
lassen, und Peter führt jetzt deutsche Urlauber durch Namibia. Mit dem gewissen Extra: Zwanzig
Jahre sind vergangen, und trotzdem kann er sie immer und immer wieder damit überraschen, dass ein
Schwarzer fließend ihre Sprache spricht.